Aktuelle Predigten
Predigt zu Psalm 118 (in Auszügen)
Ostersonntag 2012
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Pfn. Barbara Manterfeld-Wormit, Berlin
Der Friede des Auferstandenen sei mit Euch allen. Amen.
Es ist der Gipfel des Horrors in der berühmten Stieg Larsson „Millenium“-Trilogie: Die Heldin der Geschichte, Lisbeth Salander, wird bei lebendigem Leibe begraben – von ihrem eigenen Vater. Schwarze Erde fällt auf ihren Körper. Sie wehrt sich, schreit in Todesangst. Erbarmungslos schaufelt der Mann weiter Erde in auf das Grab einer Lebenden. Er bedeckt ihre Beine, Hände, das Gesicht. Am Ende ist die junge Frau verschwunden. Ihre Schreie schluckt schwarze Erde.
Es ist ein Albtraum, den wir manchmal träumen: lebendig begraben zu sein in einem Sarg unter der Erde, wo einen keiner sieht und niemand mehr hört. Wir wachen dann schweiß gebadet auf und ringen nach Luft, bis wir erleichtert feststellen, dass alles nur ein Traum war und wir frei und am Leben.
Es ist eine Urangst, die in uns steckt: die Angst vor dem eigenen Tod. Angst vor dem Abgeschnittensein von denen, die wir lieben. Angst vor dem Gefangensein in der Finsternis, wo niemand uns hört und keiner mehr nach uns sucht.
Angst ist, wenn einem eng ums Herz wird und um den ganzen Körper. Wenn wir nicht mehr frei atmen können und uns bewegen, wenn unsere Lebensraum eingeschränkt ist und wir nicht einmal mehr schreien können vor lauter Angst, weil Angst die Kehle zuschnürt. Angst ist, wenn wir nur noch Schwarz sehen und in Dunkelheit leben. Angst ist, wenn keiner da ist, der uns hilft und unsere Schreie hört, auch wenn sie stumm und lautlos sind.
Und dann kommt plötzlich Rettung: Da wachen wir auf aus einem bösen Traum und spüren, dass wir noch leben und in unserem Bett liegen, nicht im Grab. Da kann sich die Heldin doch noch befreien aus der Erde und ihren Peiniger stellen und fliehen. Und einem ganzen Volk, das gefangen und gedemütigt wurde, gelingt die Flucht und der Durchzug durchs Schilfmeer und die Verfolger werden vernichtet. Da ist der schwere Stein am Ostermorgen plötzlich weggewälzt, und Licht fällt in das dunkle Grab, und es ist leer. Das ist ein Wunder vor unseren Augen!
Wunder sind kaum zu glauben. Und damit wir all diese Geschichten von Befreiung und Errettung glauben und unsere Angst abschütteln und aus der Enge in die Weite unseres Lebens treten können, singen uns Glaubenszeugen dieses Lied in mehreren Strophen – Die letzten Strophen fehlen noch und wollen von uns und denen nach uns gesungen werden:
(1) Dankt Adonaj: Gott ist gut. Gottes Freundlichkeit ist ewig.
(2) Israel soll sagen: Gottes Freundlichkeit ist ewig.
(3) Das Haus Aaron soll sagen: Gottes Freundlichkeit ist ewig.
(4)Die Adonaj Ergebenen sollen sagen: Gottes Freundlichkeit ist ewig.
(5) Aus der Enge rief ich Jah. Mit weitem Raum hat Jah mir geantwortet.
(6) Adonaj ist für mich. Ich fürchte mich nicht. Was können Menschen mir tun?!
(7) Adonaj ist für mich, bei denen, die mir helfen. So kann ich ansehen, die mich hassen.
(10) Alle Völker umkreisten mich. Mit dem Namen Adonaj – so kann ich sie abwehren.
(13) Brutal wurde ich gestoßen, aber Adonaj half mir.
(14) Meine Stärke und mein Lied ist Jah. Gott wurde mir zur Befreiung.
(17) Ich sterbe nicht! Ich lebe! Und ich erzähle die Taten Jahs.
(18) Hart hat Jah mich angefasst, doch dem Tode hat Jah mich nicht übergeben.
(19) Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit. Ich will hineingehen, will Jah danken.
(20) Dies ist das Tor zu Adonaj. Gerechte gehen hinein zu Gott.
(21) Ich danke dir: Du hast mir geantwortet, du wurdest mir zur Befreiung.
(22) Ein Stein, den die Bauleute für untauglich hielten, wurde zu einem tragenden Eckstein.
(23) Von Adonaj her geschah dies. Es ist wunderbar in unseren Augen.
(24) Dies ist der Tag, da Adonaj es getan hat. Wir wollen ausgelassen sein, uns daran freuen.
(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)
Der Stein ist weggewälzt. Die Erde hat sich aufgetan. Die Enge des Grabes hat sich gewandelt in Weite. Nach dem Albtraum des Todes jubelt das Leben: Gottes Freundlichkeit ist ewig. Mit weitem Raum hat er mir geantwortet.
Gott hört das Schreien, selbst dann, wenn der Mensch mundtot gemacht wird. Er hört das Schreien seines Sohnes am Kreuz und er hört den stummen Ruf nach Leben aus dem geschlossenen Grab. Diese wunderbare und unglaubliche Geschichte reiht sich ein in viele wunderbare Geschichten unserer Glaubensmütter und –väter. Luther nannte den 118. Psalm „das schöne Confitemini“ – in seinem persönlichen Grab auf Zeit in der Reichsacht auf der Feste Coburg. Mit seiner Übersetzung dieses Psalms hat er einen Osterpsalm daraus gemacht: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden!“ (Vers 22) – der Eckstein ist Christus (Epheser 2, 20). Das ist ein Wunder vor unseren Augen. Ebenso wie die vielen Wunder, die die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk vor unserer Zeit zu erzählen hat. Sie klingen in diesem Psalm an: Da klingt das Lied von der Errettung aus dem Schilfmeer an, das Mose und seine Schwester Mirjam anstimmten (Exodus 15, 2.6) Da ist die Rede vom Hause Aaron (Vers 3) und von Israel (Vers 2). Der 118. Psalm hat Eingang gefunden in die Festliturgien zu Ostern, Pesach, zum Laubhüttenfest und Chanukka – er begegnet in der Abendmahlsliturgie und beim christlichen Tischgebet. Erinnerung an das Wunder des Lebens und der Befreiung inmitten der Bedrängnis unseres Lebens.
Das ist ein Wunder. Ein Wunder vor unseren Augen, das immer wieder neu erzählt und neu erlebt wird. Von Juden und von Christen, denn zum Eckstein wurde nicht Christus allein, sondern andere Glaubenszeugen vor und mit ihm.
Eins, zwei, drei, vier Eckstein,
alles muss versteckt sein.
Hinter mir und vorder mir
gilt es nicht
Und an beiden Seiten nicht!
Eins, zwei, drei – ich komme!
Jenseits aller biblischen Deutungen hat der „Eckstein“ Eingang in diesen uralten Kinderreim gefunden. Es ist der Auftakt zur großen Suche nach dem Verborgenen. Einer geht los und sucht. Er klappert auch den letzten Winkel, die finsterste Ecke, das kleinste Versteck ab und ruht nicht eher als bis er gefunden hat.
Nach drei Tagen holt Gott seinen Sohn aus dem Grab. Das ist ein Wunder. Nicht geschehen vor unseren Augen. Aber Menschen erzählen sich bis heute von diesem Wunder der unermüdlichen Suche Gottes nach dem Menschensohn. Sie reicht bis in die dunkelsten und entlegenen Winkel unseres Lebens. Er sucht, bis er findet. Er hört selbst da, wo nur noch ein ersticktes Schreien ist. Er ruft aus der Enge unseres Daseins und antwortet mit weitem Raum.
Lasst uns diese wunderbaren Geschichten vom Leben und von der Rettung aus tiefster Not und Bedrängnis weitererzählen. Die alten biblischen und unsere eigenen. Lasst uns diesen Tag feiern und fröhlich an ihm sein. Damit der fröhliche Zug, der sich damals mit den Worten des 118. Psalms auf den Lippen jubelnd auf den Weg zum Tempel machte, nicht abreißt bis dass er kommt und ein neues, großes Wunder vor unseren Augen geschieht.
Der HERR ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. In diesem Glauben segne uns Gott. Amen.
Predigt am 6. Sonntag in der Passionszeit
Palmarum
1. April 2012
Pfn. Barbara Mantergeld-Wormit, Berlin
Predigttext: Jesaja 50, 4-9
Gnade sei mit Euch und Friede von dem,
der den Tag erschuf und Euch. Amen.
Es ist ein sensibler, intimer Moment. Viel hängt davon ab. Im Bruchteil einer Sekunde entscheidet sich, wie der weitere Tag verlaufen wird. Die Weichen werden gestellt. Für ein paar Stunden waren wir nicht in dieser Welt – jetzt werden wir wieder hineingerufen, ob wir wollen oder nicht. Wir können uns nicht selber rufen – wir werden gerufen. Das Morgenlicht tut es. Oder das erbarmungslose Klingeln des Weckers. Vögel tun es, wenn sie den neuen Tag und auch uns in unseren Betten mit Gesang begrüßen. Der Lärm der Straße tut es, wenn man nicht im Grünen wohnt und die Geschäftigkeit der Großstadt am Ende der Nachtruhe wieder laut hörbar wird.
Es ist ein winziger, sehr kostbarer Moment, in dem wir geweckt werden. Er kann gründlich misslingen, wie das, was folgt, wenn wir mit dem falschen Fuß aufgestanden sind. Er kann aber auch das Signal für einen herrlichen Tag werden, der nun folgen wird, wenn wir gut erwachen, wenn wir liebevoll aus der Nacht und aus dem Schlaf gerufen werden.
Wenn der Duft von Kaffee in meine Nase zieht, den ich nicht selber gekocht habe, sondern den eine liebevolle Hand neben mein Bett gestellt hat - zum Beispiel. Dann bekomme ich Lust auf den neuen Tag. Dann lasse ich mich gerne wecken, denn ich darf behutsam ins Leben zurückkehren, nicht abrupt – Stück für Stück – oder besser gesagt: Schluck für Schluck.
Liebevoll wird man ins Leben, in den Tag gerufen, wenn erst der Fuß des Kindes unter der Bettdecke gekitzelt wird und dann die Nase. Wenn keiner hereinpoltert, das grelle Licht anknipst oder lautstark die Rolläden hochzieht mit dem harschen Ruf: „Aufstehen!“ Bis heute habe ich den Satz im Ohr, der nach Zuhause klingt: „Besinne dich erst noch ein bisschen.“
Eigentlich schade, dass wir das selten am morgen tun: uns besinnen. Schade, dass wir so selten bewusst diesen Moment erleben, den alltäglichen Ruf in unser Leben. Nicht fordernd – Auf, auf, zur Arbeit! - sondern wie ein Geschenk – Ein neuer Tag - für dich! - Und noch trauriger, dass wir diesen Moment nur selten so bewusst gestalten, wie wir es eigentlich brauchen und wie es uns gut tut. Das kann ja sehr verschieden sein: Da hüpft der eine sofort aus den Federn, der andere braucht lange und muss sich eben erst besinnen.
Wie viele Tage unserer Kindheit endeten mit dem alten Lied und Kindergebet: „Morgen früh, wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt…“ – Und wie viele Tage beginnen heute wie dieser Sonntag mit dem Liedvers, der gleichzeitig Predigttext ist: „Er weckt mich alle Morgen…“?
Hand auf`s Herz: Wann hat ER, Gott selbst, sie geweckt? Wann haben sie „mit seinem Worte begrüßt das neue Licht“?
Hellwach standen die Menschen dort am Straßenrand Jerusalems. Sie begrüßten Jesus mit lautstarkem Rufen und großen Gesten. Sie jubelten ihm zu. Aber eigentlich jubelten sie nicht diesem Jesus von Nazareth zu, sondern ihrem Traum vom Leben, den er für sie verwirklichen sollte: ein Leben in Freiheit und Würde. Ein herrliches Leben eben, wo es sich jeden Morgen lohnt aufzustehen. Ein Leben ohne Schmach und Schande, Armut und Demütigung. Was für ein Traum!
Doch dann kommt das bittere Erwachen: Dieselben Menschen werden später bei der Kreuzigung dabei stehen und dem Leben Jesu zusehen, wie es weicht. Sie werden ihn demütigen und verspotten und ihrer Enttäuschung über das eigene Leben mit seinen Begrenztheiten und Zumutungen grausam Luft machen.
Die Bibel schweigt. Drei Tage lang wird es kein Erwachen mehr geben. Niemanden, der liebevoll ruft. Finsternis auf Erden. Gott schweigt. Niemand wird Zeuge sein, wenn Gott seinen Sohn ins Leben rufen wird an diesem einen Morgen. Er wird nicht nur das Ohr wecken, sondern den ganzen Leib aus dem Tod ins Leben. Das entzieht sich unserer Vorstellung. Aber eine Ahnung davon stellt sich ein. Eine Ahnung, es fühle sich an, wie wenn einer mich liebevoll und nachhaltig weckt. Weil er mich im Leben haben will. Selbst dann, wenn das Leben das Aufstehen nicht mehr wert zu sein scheint. Selbst dann, wenn niemand mehr da ist, der mich ruft und dafür sorgt, dass es hell im Raum wird nach der Nacht der Finsternis. Selbst dann, wenn mein Körper müde und matt ist vom Leben und sich sehnt nach Ruhe.
Es ist eine Ahnung davon, wie es war, als er uns das erste Mal rief. Und wie es sein wird, wenn er uns am Ende unserer Tage rufen wird. Ein wunderschönes Bild. Nehmen wir es mit in jeden neuen Tag, den er uns schenkt. Und besinnen wir uns – auf sein Wort und seinen Traum vom Leben. Er gilt allen Müden in diesem Leben. Damit wir aufwachen und uns besinnen.
Wer ist unter euch, der dem HERRN fürchtet, der der Stimme seines Knechts gehorcht, der im Finstern wandelt und dem kein Licht scheint? Der hoffe auf den Namen des HERRN und verlasse sich auf seinen Gott. (Jesaja 50, 10)
Predigt zum 4. Sonntag der Passionszeit
Lätare
18.3.2012
von Pfn. Barbara Manterfeld-Wormit, Berlin
Gnade sei mit Euch und Friede
von dem, der da war
und der da ist
und der da sein wird. Amen.
Manchmal versuchen wir, uns die Dinge schön zu reden. Manchmal suchen wir nach einem Sinn, wenn unser Leben in eine Krise gerät. Manchmal suchen wir nach einer Antwort auf die Frage „Warum?“ Warum gibt es Leid und Tod in unserer Welt? Warum wird unser Körper alt und verfällt? Warum sterben Menschen vor der Zeit? Warum muss das Korn in die Erde fallen und sterben? Warum?
Der Wochenspruch für den heutigen 4. Sonntag in der Passionszeit versucht, darauf eine Antwort zu geben:
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Der Apostel Paulus versucht ebenfalls, sich und seinen Anhängern eine Antwort auf die Frage nach dem Warum? zu geben. Paulus wurde gefangen genommen. Er weiß nicht, wie lange seine Zeit im Gefängnis dauern wird. Er weiß nicht, wie alles ausgehen wird. Aber er meint zu wissen, warum es so ist, wie es ist:
Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht;
diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;
jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter,
denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.
Was tut`s aber?
Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise,
es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;
denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird
durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,
wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde,
sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt,
Christus verherrlicht werde an meinem Leibe,
es sei durch Leben oder durch Tod.
Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.
(Phil 1, 15-21)
Paulus sucht nach einem Sinn seines Leidens und seiner Haft: Ich verteidige das Evangelium. Ich verkündige Christus. Und wie kann man den leidenden und sterbenden Gottessohn besser verkündigen, als indem man selber leidet und den drohenden Tod vor Augen hat.
Es klingt paradox, aber: Paulus mutiert hinter seinen Gefängnismauern vom gestrengen Völkerapostel zum gelassenen, entspannten Christenmenschen:
Was tut`s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.
Was in draußen umtrieb: der Kampf gegen die Irrlehren in den noch jungen und verführbaren Gemeinden und sein unermüdlicher Einsatz für die Predigt vom Gekreuzigten, verliert im Kerker offensichtlich an Bedeutung: Wo der Körper gefangen ist, da wird – so scheint es - die Seele freier. Wo andere einem Fesseln auferlegen, streift der Geist die Fesseln ab.
Und mehr noch: Wo Außenstehende Grund zur Klage und Trauer sehen, will Paulus sich freuen: Ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird! Glaubenszuversicht mitten in der Verzweiflung - Freude im Leid. So, wie auch der heutige Sonntag mitten in der Passionszeit den Namen Lätare trägt.
Es sind starke Worte, die Paulus seiner Gemeinde schreibt. Stark sind sie, weil sie aus dem Munde dessen kommen, der selber leidet und nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht. Es sind Worte der Zumutung, wenn sie über andere gesprochen werden von einem, dem es selber gut geht. Sie bleiben einem im Halse stecken angesichts des Leidens anderer. Da verstumme ich, wenn ich eben nicht weiß, dass das Leiden eines anderen Menschen zum Heil ausgeht, wenn ich vielmehr ahne, dass es zu Ende geht mit diesem Menschen.
Seit vier Jahren kämpft eine Freundin von mir gegen Krebs. Sie ist Mutter von drei Kindern – wie ich. Sie hat studiert – wie ich. Doch im Gegensatz zu mir hat sie mittlerweile ihren Beruf aufgeben müssen: vorzeitig berentet aufgrund der Erkrankung. Sie ist gerade einmal fünfundvierzig Jahre alt. Anders als mir fehlt ihr die Kraft, mit den eigenen Kindern auf dem Boden zu sitzen und zu spielen – vom Toben einmal ganz abgesehen. Aus einer lebenslustigen Frau ist ein geschundener Körper geworden, der weniger wird mit jeder Chemotherapie. Die Krebszellen lassen sich nicht klein kriegen und breiten sich aus. Die Hoffnung und Glaubenszuversicht wird weniger von Tag zu Tag.
Warum muss das Korn in die Erde fallen und sterben? Warum sterben Menschen vor der Zeit? Warum?
Seit ich Zeugin dieses Leidensweges geworden bin, reagiere ich empfindlich auf manche Dinge: z.B. auf die unzähligen Ratgeber in Buchform, die meinen, eine Antwort auf die Frage „Warum“ liefern zu können. Sie trage Titel wie „Keine Chance dem Krebs“ oder „Wie die richtige Ernährung gegen Krebs schützt.“ Si suggerieren, dass man selbst seinen Anteil hat an der Erkrankung, dass man Schuld hat, weil man etwas hätte anders und besser machen müssen. Ich glaube nicht, dass meine Freundin Schuld hat. Sie hat Krebs. Und genauso gut hätte ich ihn haben können.
Wir, ihre Freunde, können wenig tun. Meistens spürt man nur die eigene Hilflosigkeit. Und Antworten habe ich keine. Ich glaube, dass sie noch viel zu jung ist, um zu sterben. Ich glaube, dass ihre Aufgabe ist, hier zu sein bei ihren Kindern und sie aufwachsen zu sehen, nicht wie das Korn in die Erde zu fallen und zu sterben. Das einzige, was ich momentan tun kann, ist für sie beten. Mit Worten wie Paulus sie verwendet hat, nicht glaubensgewiss, sondern bangend und verzweifelt hoffend:
Ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird
durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi!
Was bleibt, sind kleine Schritte: Von einem Behandlungstag zum nächsten. Und kleine Freuden, wenn an einem Tag die Kräfte reichen für einen Ausflug mit den Kindern. Die Dinge bekommen eine andere Gewichtung durch die Krankheit. Es gibt keine Zeit zum Verschwenden: Meine Freundin pflegt keine Kontakte mehr nur aus Pflichtgefühl. Sie tut nichts aus falscher Rücksichtnahme. Sie denkt an sich. Und sie äußert klar, was sie braucht und was ihr gut tut. Im Moment ist das: In Ruhe gelassen zu werden auch von Freunden. Keine tröstenden Worte, kein Schönreden, kein Mitleid.
Es ist Leidenszeit, Passionszeit. Keiner von uns kann vorher wissen, wie es sich anfühlen wird, wenn wir selber das Korn sind, das zur Erde fällt. Ich wage die großen Worte des Paulus nicht selber in den Mund zu nehmen. Ich höre sie als Zeugnis eines leidenden Menschen, der sich in Not und Todesangst nicht abgetrennt von Gott erlebt. Ich vernehme daraus die Botschaft, dass nicht nur schöne, gesunde Leiber Gott preisen, sondern jeder menschliche Körper, der von Krankheit gezeichnet ist und mit jedem Tage weniger wird. Ich spüre die tiefe Verbindung durch das Gebet – auch da, wo Menschen äußerlich getrennt sind: der eine in Leid und Todesangst, der andere mitten im Leben. Ich hoffe auf Gottes Hilfe und Beistand, wo kein Mensch helfen kann.
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;
denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird
durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,
wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde,
sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt,
Christus verherrlicht werde an meinem Leibe,
es sei durch Leben oder durch Tod.
Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.
Predigt am 2. Sonntag der Passionszeit
Reminiszere
4.3.2012
von Pfn. Barbara Manterfeld-Wormit, Berlin
Gnade sei mit Euch und Friede
von dem, der da war,
und der da ist,
und der da sein wird. Amen.
Ein Kind wird geboren. Und die Eltern sind überglücklich. Sie tun alles, damit es dem Kind gut geht. Sie fördern seine Entwicklung, überschütten es mit Liebe. Später dann diskutieren sie mit ihm bis in die Nacht, versuchen gelassen zu bleiben in Kränkungen und stark in der Liebe. Irgendwann zieht die Tochter aus in eine ferne Stadt. Und eines Tages kommt ein Brief: Sie fühle sich erdrückt von ihnen. Sie brauche Distanz und Abstand. Sie reagiert nicht auf Anrufe, nicht auf Briefe. Jahre vergehen. Die Eltern sind am Boden zerstört. Sie haben doch alles getan für ihr Kind.
Wir mussten immer ein paar Meter hinter unserer Mutter laufen als uneheliche Kinder. Damit der Neue es nicht gleich merkt. Das erzählt ein alter Mann, dessen Mutter verstorben ist. Erinnerungen an die Kindheit. Eine kaputte Familie, eine zerstörte Kindheit.
Zwei Menschen begegnen einander. Liebe auf den ersten Blick. Sie sind glücklich und voller Leidenschaft. Sie heiraten, bekommen Kinder. Die Kinder werden groß, die Eltern älter. Und eines Tages hat er eine andere, die jünger ist. Er wolle etwas verändern in seinem Leben, noch einmal neu anfangen, sagt er. Sie bricht zusammen. Sie haben sich doch so geliebt.
Folgt Lesung des Predigttextes: Jesaja 5, 1-7 Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg
Im Jahr 1569 malte Lucas Cranach der Jüngere einen Weinberg – der Weinberg des Herrn, ein Epitaph. Es lässt sich in der Marienkirche zu Wittenberg betrachten. Ohne Scham und Scheu verlagerte der Künstler das Bild vom Weinberg nach Jesaja, das der Evangelist Markus aufgreift und auf Jesus hin deutet, in seine Zeit:
Martin Luther harkt und Melanchthon gießt mit dem Kännchen. Die Reformatoren pflügen und ackern und gärtnern und säen im Weinberg des Herrn. Soweit so gut. Doch den Weinberg durchzieht eine Grenze. Und jenseits der Grenze treiben die Diener des Papstes ihr Unwesen. Dort verrottet alles. Sie trinken und fressen, statt zu gießen und zu harken. Das einzige, was abfällt, ist Mist, den die Reformatoren hübsch in ihre Hälfte tragen, um den Boden zu düngen.
Böse, böse, sagen wir in Zeiten der Ökumene. Mutig, mutig sage ich. Denn Cranach begnügt sich nicht, die Texte in der Vergangenheit zu lassen. Er holt sie mit Farbe und Pinsel ins Hier und Jetzt. Wer das Ergebnis betrachtet, kommt nicht darum herum zu bedenken, auf welcher Seite er lebt als Gottgläubiger Mensch.
Was malen wir heute? Auf alle Fälle, erlauben sie mir die Randbemerkung: viele Frauen mit Harke und Gießkanne. Die fehlen nämlich sowohl bei Jesaja, als auch bei Markus, als auch bei Cranach. Vielleicht aber auch viele Senioren, die gebückt oder am Rollator versuchen, den Weinberg zu bebauen, während jenseits des Berges die Jungen ihrem Alltag nachgehen. Vielleicht aber malen wir auch einen Diener Gottes, der alles gleichzeitg macht: mit der einen Hand harken, mit der anderen gießen, auf dem Rücken den Korb mit Unkraut, auf dem Kopf den Korb mit den Traube – einer als Mädchen für alles, weil es leider kaum noch Diener gibt. Vielleicht malen wir aber auch ein großes Haus aus Glas neben den Weinberg. Dort sitzt die zentrale Weinbergverwaltung. Sie kümmert sich um mehr Effizienz, berechnet den Ertrag mittels Taufquote und Gottesdienstbesucherzahlen. Vom Glashaus aus werden die wenigen Arbeiter im Weinberg dann mit Papieren beliefert – seitenlange Abhandlungen, wie genau gegossen und geharkt werden muss.
Reizvolle Gedankenspiele. Aber bleiben wir noch einmal bei dem ganz ursprünglichen Bild, das älter ist als Jesaja: der Weinberg. Im Alten Orient steht er für den Inbegriff von Liebe und Leidenschaft. Das Hohe Lied zeugt davon: Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein…. (Hohelslied 1,2) Meinem Freund gehöre ich und nach mir steht sein Verlangen. Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen…dass wir früh aufbrechen zu den Weinbergen und sehen, ob der Weinstock sprosst und seine Blüten aufgehen… (Hoheslied 6, 11 ff.)
Der Weinberg ist Symbol für die Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, sie wird zum Symbol der Liebesbeziehung zwischen Gott und Mensch. Eine Liebe, die beflügelt und stark macht, eine Liebe, die zerstörerisch sein kann, eifersüchtig, enttäuschend. Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt.
Daran, denke ich, muss Kirche sich messen lassen: Heute wie vor 500 Jahren: Ob sie ein Ort ist, an dem leidenschaftlich gelebt und geliebt werden kann – auch gestritten. Kirche ist nicht in erster Linie eine Organisationsform unter vielen, keine Verwaltung, kein theologischer Betrieb. Kirche ist ein Ort, der die Sinne anspricht. Ort des Alltags und der Festlichkeit. Ort der Leidenschaft. Wie die Reformatoren bei Cranach harken und gießen und werkeln bedeutet Glauben, nach Gottes Wort zu handeln und zu arbeiten und zu gestalten. Und wie im Hohelied heißt Glaube: Sich als geliebtes Geschöpf neu entdecken und diese Liebe weitergeben. Im Einklang und in Liebe zu Gott leben: Meinem Freund gehöre ich und nach mir steht sein Verlangen.
Aus dieser Liebe speist sich unser Leben. Das gebe uns Kraft, mit Enttäuschung und Zerstörung in unserem Leben umzugehen. Ein Weinberg ist keine Schnellpflanzung. Er braucht guten Boden, günstiges Klima, gutes Wetter, gute Pflege. Geduld und Beständigkeit. Und die Hoffnung, dass auch nach schlechter oder zerstörter Ernte eine gute folgen kann.
Als Zeichen für Gottes Geduld und Sorge für uns, ruft er uns aus allem, was kaputt ist und unfruchtbar in unserem Leben an seinen Tisch. Er stärkt uns mit der Frucht des Weinstocks. Ewiges Zeichen, dass auch unser Leben Frucht bringen kann. Lasst uns seinem Ruf antworten: Meinem Freund gehöre ich und nach mir steht sein Verlangen.
Predigt rbb Rundfunkgottesdienst 26.2.2012
Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, Berlin
von Pfn. Barbara Manterfeld-Wormit
Gnade sei mit euch und Friede,
von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus! Amen.
Liebe Gemeinde,
Karneval ist vorbei. Die Passionszeit hat begonnen. Am Rosenmontag rollten noch Narrenumzüge durch die Karnevalshochburgen, einen Tag nach Aschermittwoch gedachte Deutschland der Mordopfer des Neonaziterrors. Es war eine Woche des kollektiven Feierns und des kollektiven Gedenkens. Doch bleiben wir zunächst bei den Narren. Schließlich erzählt der heutige Sonntag auch Narrengeschichten. Geschichten von den Fehltritten und Peinlichkeiten anderer:
von Adam und Eva, die wegen eines Apfels im Paradies der Schlange auf den Leim gehen und vom Teufel, der sich als Versucher Jesu in der Wüste eine Schlappe nach der anderen leistet. Peinlich und lächerlich: Der Herrscher des Bösen zieht den Schwanz ein, weil Jesus der Schlagfertigere ist, so wie wir es eingangs mit Worten Martin Luthers gesungen haben: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen..: Ein Wörtlein kann ihn fällen!“
Das Böse wird hier durch den Kakao gezogen. Die Mächtigen der Welt geraten zu lächerlichen Figuren, wie beim Karneval, wo diesmal besonders fantasiereich und böse gelästert wurde über ehemalige und amtierende politische Amtsträger und Herrscher dieser Welt:
Da rollte in Düsseldorf kopfüber unser ehemaliger Bundespräsident als gerupfter Bundesadler durch die Strassen der Stadt. Italiens ehemaliger Ministerpräsident Berlusconi ertrank in einem Meer aus wogenden weiblichen Brüsten. Irans Präsident Ahmadinedschad zündete sich grinsend eine hochexplosive Atomzigarre an, und Angela Merkel wurde zur Miss Europa gekürt. Karneval in Kölle, Düsseldorf und Aachen. Und am politischen Aschermittwoch wurde weiter gelästert, wenn auch mit weniger Witz. Von Rosenmontag bis Aschermittwoch herrschte Narrenfreiheit. Die Würde des Amtes wurde durch den Kakao gezogen und wir durften fröhlich und entspannt zuschauen und uns dabei auf die Schenkel klopfen, statt wie sonst beim Blick in die Nachrichten ungläubig und ärgerlich oder ängstlich und resigniert den Kopf zu schütteln.
Die Würde des Amtes ist anfällig. Oft wird sie von den Amtsträgern selbst beschädigt. Und damit wird auch das Vertrauen zerstört, das wir brauchen, um uns in einem Land, in einer Gesellschaft wohl zu fühlen.
Die Würde des Amtes darf nicht beschädigt werden. Das war und ist das Thema – nicht nur in den öffentlichen Debatten, sondern auch im heutigen Predigttext.
Auch der Apostel Paulus war ein hoher Amtsträger. Und andere waren es mit ihm. Sie waren berufene Apostel, Amtsträger der ersten christlichen Gemeinden auf dem europäischen Kontinent, nicht Diener des Staates, sondern Diener Gottes. Wie einer beschaffen sein muss, um sich des hohen Amtes würdig zu erweisen, wie er sich in diesem Amte zu verhalten hat, beschreibt Paulus in seinem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth:
Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt…
Wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;
sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes:
in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,
in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,
in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit,
im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes,
mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten,
als Verführer und doch wahrhaftig;
als die Unbekannten, und doch bekannt;
als die Sterbenden, und siehe, wir leben;
als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich;
als die Armen, aber die doch viele reich machen;
als die nichts haben, und doch alles haben!
Gesucht wird ein Amtsträger, der diesen Verhaltenskatalog erfüllt. Einer, der viele reich macht und selber arm bleibt. Einer, der keinen Anstoß erregt, aber große Dinge anstößt. Ein Mensch, der Großes leistet, ohne dabei größenwahnsinnig zu werden. Einer, der nicht hinschmeißt und zurücktritt, wenn es beschwerlich wird. Einer, der da ist, wenn man ihn ruft. Einer, der das Wort Gerechtigkeit nicht nur in den Mund nimmt, sondern auch tatkräftig dafür eintritt. Ein enormer Anspruch. Wo bist du, Mensch, der ihn erfüllen kann?
Meditation Andreas
Karneval ist vorbei. Aber die Züge der Narren rollen auch heute noch an uns vorbei:
Auf dem ersten Wagen sehen wir eine grinsende Schlange und Adam und Eva, nackt und verschämt mit einem angebissenen Apfel in der Hand. Sie sind ihrer Rolle als erste Menschen nicht gerecht geworden. Und als Zeichen ihrer Würdelosigkeit als Vertriebene aus dem Paradies sind sie nun nackt und stecken sich verschämt den Zeigefinger in den Mund.
Dann ist da noch der Teufel – ein ehemals gefallener Engel, der seiner Rolle als Bote Gottes ebenfalls nicht gerecht wurde und sich in der Versuchungsgeschichte gleich dreimal bis auf die Knochen blamiert. Der Teufel, das personifizierte Böse, streckt die Waffen vor bloßen Worten. Er unterliegt im Kampf gegen den, der keine Waffen trägt.
Viele andere folgen diesem Zug – biblische und nicht biblische Gestalten, die nach der Macht gegriffen haben – und ihr nicht gerecht geworden sind.
Und ganz am Ende ist da auch Paulus, der Völkerapostel, der von sich selber leise und zaghaft sagte: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig! Er war nicht wortgewandt, nicht charismatisch. Er hat im Gefängnis gesessen und wurde von vielen für eine lächerliche Figur gehalten.
Und wo sind wir? Stehen wir tatsächlich nur am Straßenrand und schauen zu? Weil wir ja nicht berufen sind und in der Regel auch kein hohes Amt bekleiden, dem wir eine besondere Würde verleihen müssen?
Hier verlassen wir den Zug der Narren, dem wir so gerne zusehen, weil es ja nichts kostet und wir selber nicht vorgeführt werden. Die Narrenfreiheit gilt nicht länger, nun wird es Ernst:
„Deutschland sind wir alle“ hat die Kanzlerin anlässlich des Staatsaktes zum Gedenken an die Mordopfer des Neonazi-Terrors in ihrer Rede verkündet und dabei denen ins Gewissen zu reden versucht, die untätig blieben, als kürzlich Grundschulkinder ausländischer Herkunft in der Berliner S-Bahn rassistisch beschimpft und bedroht wurden. Menschen, die zwar gerne zum Handy greifen, um dem Partner zu verkünden, dass man gleich da sei, aber nicht in der Lage sind, die Polizei zu verständigen, wenn sich einer derart im Ton und an der Ehre anderer Menschen vergreift. „Deutschland - das sind wir alle; wir alle, die in diesem Land leben; woher auch immer wir kommen, wie wir aussehen, woran wir glauben, ob wir stark oder schwach sind, gesund oder krank, mit oder ohne Behinderung, alt oder jung.“
Menschen sind wir alle. Das steht als Thema über diesem Sonntag. Das ist das Thema der beginnenden Passionszeit.
Wo bist du, Mensch? So fragt Gott nicht nur die ersten Menschen im Paradies. Wir sind gemeint, denn wir sind Menschen – oder nicht? Gottes Ruf, als er „in der Abendkühle“ durch seinen Garten geht, gilt uns. Und wer sich tatsächlich als Mensch fühlt, der sollte antworten, statt sich verschämt vor seinem Angesicht zu verstecken. Aber wie bin ich wirklich Mensch?
Fangen wir an bei Adam und Eva an:
Mensch bin ich, wenn ich im Gleichgewicht lebe mit mir und meiner Umwelt. Wenn es Leib und Seele gut geht. Wenn ich genügend Essen habe, genügend Schlaf, eine sinnvolle Aufgabe: die Schöpfung zu bebauen und bewahren.
Mensch bin ich, wenn ich akzeptiere, dass ich nicht Gott bin. Das heißt, dass ich nicht unsterblich bin, dass ich älter werde mit allem, was dazu gehört. Das bedeutet auch, dass meine Zeit und mein Leben begrenzt sind.
Und dann gehen wir weiter zu Jesus, der dem Teufel in der Wüste widersteht.
Von ihm lernen wir:
Mensch bin ich, wenn ich den Versuchungen meiner Zeit widerstehe und Grenzen akzeptiere. Die evangelischen Kirche begeht die siebenwöchige Fastenzeit diesmal unter dem Motto: Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz! Sie lädt damit ein, sich probehalber einer großen Versuchung unserer Zeit für eine Weile zu entziehen: einmal nicht in allem perfekt sein wollen, immer schneller, gesünder, besser, jünger und informierter als alle anderen. Sie empfiehlt, einmal ganz bewusst Überstunden ab- und das eigene Privatleben wieder aufzubauen. Eben Mensch zu sein, keine Maschine und kein Kunstprodukt. 7 Wochen haben wir Zeit, darüber nachzudenken: Welches ganz persönliche Versuchungsszenario hält der Teufel da für mich parat und wo und wie kann ich widerstehen und mich und meine Gewohnheiten ändern?
Und zuletzt hören wir, was der Apostel Paulus von der Würde des Amtes sagt:
Mensch bist du, wenn du über dich hinaus wachsen und Grenzen überschreiten kannst. Dazu musst du nicht Bundespräsident oder Völkerapostel sein. Es genügt schlicht das Amt, zu dem dich Gott zu Beginn deines Lebens berufen hat und zu dem er dich immer wieder aufs Neue beruft: nämlich ein wahrer Mensch zu sein, nicht Unter- oder Übermensch, sondern einfach Gottes Geschöpf.
Ja: Es gehört Mut dazu, sich in Pöbeleien einzumischen. Ich muss ein Stück über mich und meine Angst hinauswachsen, wenn ich in kritischen Situationen die Würde anderer Menschen verteidigen will. Ich muss meine eigenen Grenzen für einen Augenblick überschreiten und die Rolle des Zuschauers verlassen, wenn ich laut und vernehmlich: Stopp! rufen will. Ich muss die Grenze meines vermeintlichen Unbeteiligtseins überschreiten, weil es sonst andere tun, indem sie die Würde anderer Menschen nicht nur antasten, sondern verletzen und mit Füßen treten. Ich muss meine menschlichen Grenzen überschreiten, wenn ich meine Würde als Mensch und Mitmensch bewahren will. Was wäre gewesen, wenn der Lehrer der in der S-Bahn bedrohten und beschimpften Kinder laut durch das Abteil gerufen hätte: Wo bist du, Mensch! Und wenn dann alle aufgestanden wären und laut: Hier! gerufen hätten?
Wo bist du, Mensch? Dieser Ruf gilt, auch wenn wir oft genug Narren sind in unserem Leben, auch lächerliche, manchmal feige Figuren, die dumme Fehler machen. Menschen, die verletzlich sind an Leib und Ehre und dabei doch liebenswert und begabt, dieses wunderbare Amt auszufüllen: Mensch zu sein als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich!
Amen.
Wer bin ich?
Predigt am 12. Februar 2012
Sonntag Sexagesimae
Von Pfn. Barbara Manterfeld-Wormit
Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, Berlin
Das bin nicht ich! Die Frau, die das sagt, trägt perfektes Make up und ein perfektes Kleid. Sie wird in einer Luxuslimousine vorgefahren und vor einem Traumschloss abgesetzt. Dort warten Freunde und Familie. Die Frau war nämlich vorher ganz hässlich. So hässlich, dass sie sich nicht mehr im Spiegel anschauen mochte und nicht mehr vor die Tür wollte. So hässlich, dass sie sich auf Kosten eines Privaten Fernsehsenders nahezu komplett hat umoperieren lassen. Die Kinder erkennen die Mutter beim Wiedersehen kaum wieder. Als die Frau das erste Mal nach all den überstandenen Prozeduren in den Spiegel schaut, bricht sie in Tränen aus und flüstert: Das bin nicht ich! In der unsäglichen Fernsehsendung ist das als Ausdruck höchsten Glücks gedacht. Mir lief ein Schauder über den Rücken. Ich will beim Blick in den Spiegel nicht sagen müssen: Das bin nicht ich!
Wer bin ich? Diese Frage hat sich Dietrich Bonhoeffer gestellt – immer und immer wieder. Zeit genug hat er gehabt. Lange genug war er mit sich allein in einer winzigen Zelle in Tegel. Kein Fernsehen, kein Internet, kein Skype, kein Telefon. Nur hin und wieder abgefangene, zensierte Briefe von Familie und Freunden – ganz selten Besuch. Geworfen auf sich selbst hat er in sich zu schauen gewagt. Selbstbespiegelung, weil es sonst nichts zu spiegeln gab.
Wer war Dietrich Bonhoeffer? Wir haben Antworten auf diese Frage gesucht und gefunden: Pfarrer war er und Widerstandskämpfer im Dritten Reich. Ein Zwilling war er. Ermordet wurde er. Und soll am Ende gesagt haben, dass es der Anfang sei. Bücher hat er geschrieben und Gedichte. Eins davon trägt diesen Titel: Wer bin ich? Für viele Christen ist ein unerreichbares Vorbild, ein Held, ein mutiger Mann.
Wer bin ich? Ich frage mich manchmal, was Bonhoeffer selber sagen würde, wenn er hier heute hereinkäme. Er würde als erstes über seinen eigenen Namen auf der Gedenktafel draußen an der Kirche stolpern. Dann über das selbst gemalte Portrait. Über die Büste und die vielen, vielen Zitate. Ich glaube, es wäre ihm unendlich peinlich, so wie uns es schon manchmal peinlich ist, wenn Bilder von uns die Runde machen. Und er rückblickend vielleicht sagen: Macht keinen Helden aus mir. Ich habe nicht geschafft, was wir eigentlich wollten: Hitler stoppen, dem Morden ein Ende bereiten. Ich habe meinen Eltern Leid zugefügt. Ich habe meine Familie, meine Verlobte im Stich gelassen. Kein Ruhmesblatt. Bis heute, würde er vielleicht sagen, kann ich ihre Fotos nicht anschauen, ohne dass es mir einen Stich gibt.
Wer bin ich? Bonhoeffer hat gewusst, dass zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung oft Welten liegen. Dass der Schein oft trügt und bei allen Versuchen, sich selbst und andere zu ergründen, nur neue Fragezeichen entstehen.
Wer seid ihr? Konfirmanden der Bonhoeffergemeinde. Keine Kinder mehr und noch keine Erwachsenen. Auf der Suche nach Euch selbst, nach einem Leben, das sich gut anfühlt und gelingt, auf der Suche nach Freunden und Selbständigkeit, auf der Suche nach Gott. Ihr steckt voller Talente, und ihr tragt Schwächen in Euch – wie jeder von uns. Und wir sind gespannt, was eines Tages, wenn ihr groß seid, wenn ihr konfirmiert seid, wenn ihr eure eigenen Wege geht, was dann aus euch wird.
Man weiß es nicht vorher – wie der Sämann aus dem Gleichnis, das wir heute als Evangelium gehört haben. Der streut aus und weiß nicht, wo das Korn hinfällt und ob es wächst oder nicht. Es hängt ja auch von so vielen Faktoren ab: Ist es guter Boden, auf das das Korn fällt? Bekommt es genug Licht und Sonne und Wasser? Kommen Vögel und fressen es auf, tritt jemand darauf?
Wo wachsen wir auf? Welchen Menschen begegnen wir? In welche Zeit, in welche Umstände werden wir hineingeboren? Unser Leben hängt von so vielen Faktoren ab.
Fest steht, dass in jedem von uns Leben steckt. Von Gott geschenktes, wunderbares Leben voller Möglichkeiten. Darum können wir diese Frage auch nie erschöpfend beantworten: Wer bin ich eigentlich? Wir entwickeln uns ja weiter, wir verändern uns – mit jedem Tag unseres Lebens. Das ist oft anstrengend, manchmal frustrierend und enttäuschend und oft einfach nur schön und beglückend.
Ich glaube, die Frage, wer ich wirklich bin, kann am Ende kein Mensch allein beantworten: Dein bin ich – o Gott! so lässt Bonhoeffer sein Gedicht enden und drückt damit aus: Ich weiß es nicht – Du, Gott, weißt es.
Gott gebe uns, dass wir das Leben, das in uns steckt, ans Licht bringen können. Er gebe uns die Kraft zu wachsen, auch gegen Widerstände und Enttäuschungen. Und er gebe uns Kraft und Selbstvertrauen, damit wir beim Blick in den Spiegel oft sagen können: Das bin ich! Gott sei Dank!
Predigt am letzten Stg. nach Trinitatis
29.1.2012
Offenbarung 1, 9-18
von Pfn. Barbara Manterfeld-Wormit
Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, Berlin
Wir sind Meister der Verklärung. Wir sehnen uns nach Lichtgestalten, nach Glanz und Glamour. Und uns stehen heute nahezu alle Mittel zur Verfügung, um genau das zu inszenieren. Es bedarf manchmal nur eines Friseurbesuchs und der berauschenden Lektüre von Gala und Bunte, um einen Abglanz zu erhaschen von den Lichtgestalten unserer Tage: Roter Teppich, kostbare Roben, blendend weiße Zähne, funkelnder Schmuck. Geld, Macht, Einfluss und Erfolg. Lichtgestalten der Medien, neben denen unser eigenes Leben banal und unbedeutend erscheint. Normal eben und ein Hauch langweilig. Glamourfaktor gen Null!
Heute feiert die evangelische Kirche das „Fest der Verklärung“ – in unseren orthodoxen, römisch-katholischen und anglikanischen Schwesterkirchen hat man dieses Lichtfest in den Sommer gelegt und begeht es am 6. August. Heute – so könnte man es ausdrücken – feiern wir den Hochglanz-Sonntag: Glamourfaktor Zehn! Die liturgische Farbe strahlend weiß, die Lieder zeigen von Licht und Glanz und Pracht. Die Texte zeugen von Lichtgestalten. Und wir erhaschen ein Stück Abglanz davon, so wie einst Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Berg Tabor. In unserer durchgestylten Welt haben die biblischen Geschichten etwas Rührendes an sich: Was damals noch gewaltig und erhaben schien, wird heute mühelos überboten in jedem Kinofilm.
Doch wenn wir quasi wie in einer Zeitreise eintauchen in diese biblischen Bilder und Welten, spüren wir auch da eine Entwicklung und Steigerung: Da steht erst Mose barfüßig und einsam am Rande eines brennenden Dornbuschs in der Wüste und hört die Stimme Gottes. Jesus hat bereits Gefolgschaft dabei, und nicht nur er erscheint in strahlendem Licht – auch Mose und Elia. Und ganz großes Kino dann bei Johannes, dem Seher: Licht und sieben Leuchter, der Menschensohn mit Augen wie Feuerflammen – aus dem Mund ein zweischneidiges Schwert.
Mose, Jesus und der Seher Johannes: prominente Lichtgestalten der Bibel. Zeugen des einen Gottes. Durch sie fällt ein Hauch von Gottes Glanz und Licht in unsere Welt. Und in allen drei Geschichten ist die eine Stimme zu hören, die dieselbe Botschaft hat: Fürchte dich nicht – ich will mit dir sein! Du bist mein geliebtes Kind, trage meine Stimme und Botschaft zu den Menschen! Sei Lichtgestalt in dunkler Zeit!
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts haben Gläubige die Verklärung Jesu so Ernst genommen, dass Sie wahr machten mit dem Ausruf des Petrus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich dir hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.
Es wurden keine Hütten, es wurde eine christliche Kirche daraus. Hoch oben auf dem Berge Tabor. Und es wurde ein kirchliches Fest, das heute in unserem Gemeindeleben weitgehend farb- und leblos ist. Das ist schade, denn es ist ein Fest, das zeugt von der unauflösbaren Verbindung mit dem jüdischen Volk und seinem Glauben, in dessen Glanz wir mit Christus eintauchen durften. Zwei Tage nach dem großen Holocaustgedenken am 27. Januar. Drei Glaubenszeugen und Lichtgestalten im Glanz. Untrennbar verbunden.
Es ist aber auch ein Fest, das zeugt vom Licht und Glanz Gottes, der in unser Leben fällt. Dazu müssen wir nicht im Schloss Bellevue leben oder auf hochhackigen Schuhen über rote Teppiche schreiten. Wir dürfen barfuß sein wie Mose – an einem unbedeutenden Ort irgendwo wie der Seher Johannes auf der kleinen Insel Patmos. Und wir müssen nicht siegreich sein und all unsere Schwächen und Niederlagen verstecken, weil Gottes Glanz uns nicht blenden und bloß stellen will, sondern erleuchten und zurück ins Leben führen will.
Wir sind Meister der Verklärung. Weil wir uns nach dem Licht sehnen und nach der Vollkommenheit. Darum inszenieren wir die eigene Hochzeit mit weißem Gewand, gewaltigen Worten und Zeugen, mit Leuchtern auf festlichen Tafeln, weil wir doch die ganz große, vollkommene Liebe wollen, und dann doch erleben müssen, wie der Glanz nicht halten mag im Alltag, wie der Lack abblättert auch in unseren Beziehungen. Wir beginnen jedes menschliche Leben voller Hoffnung und Licht, und wissen nicht, wie es werden und enden wird. Und jeder Glanz – auch der auf dem roten Teppich – ist nicht von Dauer. Mit jeder Falte, die der Filmstar mit Botox wegspritzt, mit jeder Enthüllung, die den Glanz des Erfolges großer Politiker ins Zwielicht rückt, mit jedem Schaden und Versagen, das in unserer Verantwortung liegt, sprüen wir, dass wir mehr zu denen gehören, die sich zu Boden werfen und fürchten in diesen Verklärungsgeschichten. Barfuß und hilflos, wie wir auf die Welt gekommen sind.
Es ist für mich die anrührendste Verklärungsgeschichte – und Verklärung meint im biblischen Sinne Offenbarung – Gott offenbart sich einem Menschen. Es ist Mose, der da steht mitten im Alltag, glanzlos und allein – mit seinen Schafen und seiner Arbeit irgendwo in der Wüste. Staubig und unbedeutend. Ein Flüchtling, ein Mörder. Nix Ganz, nix Glamour. Und dann macht die Stimme Gottes klar, was zu tun ist, um Gott zu erfahren, zu hören und ihm nahe zu sein, ihm zu begegnen: Schuhe ausziehen! Nichts, was einen höher und größer macht, als man von Natur aus ist. Kein Duft, kein Glanz, kein Glamour. Nackte Füße auf heiligem Boden – verletzlich. Wer barfuß laufen musste, war arm. Wo wir heute unerwartet zum Schuhe ausziehen genötigt werden, spüren wir noch etwas von der Unbeholfenheit und Peinlichkeit und Bescheidenheit, die sich beim Ablegen der Schuhe vor Fremden einstellt.
Das zu spüren, ist hin und wieder sehr heilsam – für große wie für kleine Menschen, um sich immer wieder klar zu werden, dass wir eben keine Lichtgestalten sind, keiner von uns, sondern Zeugen, Kinder des Lichts.
Ein kleiner Mann, der in diesem Jahr wieder ganz groß raus gekommen ist anlässlich seines 300. Geburtstages und über dessen Rolle als großer Herrscher diskutiert und gestritten wird, weil manche ihn verklären – Friedrich der Große - hat diese Demutsübung in ganz eigener Art und Weise für sich beschrieben:
„Es heißt, dass wir Könige auf Erden die Ebenbilder Gottes seien. Ich habe mich daraufhin im Spiegel betrachtet. Sehr schmeichelhaft für den lieben Gott ist das nicht!“
Zugegeben: Es ist nicht üblich, so von einem ganz Großen angesehen zu werden, wie Gott uns Menschen ansieht. Es ist schmeichelhaft für uns. Jeder Mensch – vom Beginn seines Lebens an geschaffen zur Ebenbildlichkeit Gottes hin. Das ist der Glanz, der den barfüßigen Mose zum großen Freiheitsführer macht, und einen Leidenden und Sterbenden zum Führer ins Leben. Das ist der Glanz, der auf jeden und jede von uns gefallen ist in der Taufe. Das verklärt unser Leben, auch wenn es lange nicht vollkommen ist, sondern mehr Hütte als Palast.
Sieh` heute einmal in den Spiegel mit diesem anderen, verklärten Blick am Fest der Verklärung, und achte auf den Glanz, der sich darin verbirgt. Licht Gottes ist auf dein Leben gefallen und blitzt darin auf. Kind Gottes, Zeuge des Lichts. Steh auf, und zeuge von diesem Licht, und fürchte dich nicht!
Amen.
Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias, 15. Januar 2012
von Pfn. Barbara Manterfeld-Wormit, Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, Berlin
Predigttext: 1. Korinther 2, 1-10
Für viele Menschen sind Glaube und Kirche ein Buch mit sieben Siegeln, ein Geheimbund für eine Minderheit, ein Gedankengebäude, in dem sie nicht Zuhause sind, wo eine Sprache gesprochen wird, die sie nicht verstehen.
Gestatten Sie mir eine Bemerkung: Auch ich verstehe diese Sprache nicht immer. Der heutige Predigttext macht es einem da nicht gerade leichter.
Das Geheimnis Gottes, von dem hier die Rede ist, das ist so eine Sache. Ich halte es manchmal in Händen, wenn ich zu Beginn eines neuen Konfirmandenjahres den „Lernstoff“ verteile: Psalm 23, die 10 Gebote, das Vaterunser, das apostolische Glaubensbekenntnis und die Glaubenssätze Dietrich Bonhoeffers, den Taufbefehl und die Einsetzungsworte zum Abendmahl, das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen. Früher noch der Kleine Katechismus Luthers und Choräle aus dem Gesangbuch.
Für die, die dazu gehören, die regelmäßig hier ein- und ausgehen sind es vertraute Texte, Glaubensinhalte, unsere Basis, Heimat. Für Menschen, die sich annähern ist es ein Geheimnis. Fremde Worte, ferne Gedanken. Mühsam erst gilt es, sie zu entschlüsseln.
Da kommt Paulus und stellt sich hin vor seine Gemeinde in Korinth: Ich halte es für richtig, unter euch nichts zu wissen, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Mut zur Lücke. Kurz und knackig. Ballast abwerfen, Prioritäten setzen.
Zu seiner zeit ging das. Paulus hielt keine Bibel in den Händen. Seitenlange Glaubensbekenntnisse gab es nicht. Keinen Paul Gerhardt, keinen Luther und keinen Bonhoeffer. Christus allein.
Nicht ganz. Natürlich hatte auch Paulus schon etwas: Die Thora und die Psalmen und die Propheten. Und v.a.: Menschen, die erzählen konnten. Jenseits von Büchern und dem World wide Web war man ja darauf angewiesen: dass gute, bewegende Geschichten weitergesagt wurden abends am Feuer und tagsüber auf dem Marktplatz. Glaube allein reichte nicht. Es galt auch, gute und glaubwürdige Geschichten nachfolgenden Generationen zu übergeben, indem man sie bewegend weiter erzählte. Und bewegend ist nur, was ich mit meiner eigenen Biographie, mit meinen eigenen Lebenserfahrungen verknüpfen, mit meinen eigenen Gefühlen, Ängsten und Freuden weiter empfinden kann.
Bewegende Geschichten. Was bleibt da, wenn wir alles aus den Händen legen würden: das Gesangbuch auf dem Schoss und die Bibel auf dem Altar, das Lektionar auf dem Pult und die Worte Bonhoeffers an der Wand? Was bliebe? Was von dem Geheimnis Gottes bleibt, weil es längst schon in uns seinen Anfang und seine Fortsetzung genommen hat?
Für Paulus war es die Geschichte von Jesus, dem Gekreuzigten, von Gott der dem Sünder vergibt – und Paulus war einer. Er hatte Menschen um ihres Glaubens willen foltern und morden lassen, ehe er sich bekehrte.
Mir sind andere Geschichten unter die Haut gegangen und sie sind es, die ich neben dem „Lernstoff“ unseren Konfirmanden weiter erzähle: Jesus, der die Ehebrecherin verteidigt und die Selbstgerechtigkeit der Umstehenden demaskiert: „Wer von Euch ohne Sünde ist, der nehme den ersten Stein.“ Das hat mich berührt und beruhigt, wenn ich selber angeklagt war und in Angst vor wütenden Menschen. Das hat mich geerdet, wenn ich erbost war über andere. Das demonstriert besser als jede Moralpredigt, dass es jenseits von körperlicher und seelischer Gewalt ein Instrument gibt, um stärker zu sein, ohne andere zu beschädigen.
Es ist auch die Geschichte von Mose, der wie ich Gott sehen, anfassen, erfahren will in seinem Leben und ihn dann spüren darf, aber nicht sehen. Geduckt in eine Felsspalte. Auch ich habe Gott gespürt in meinem Leben – aber fassen, festhalten, ein Bild zum Beweis machen für alle, die nach ihm fragen und seine Existenz leugnen – das konnte ich nie!
Und anders als Paulus sind es nicht nur Geschichten von Jesus, dem Gekreuzigten, sondern von Jesus, dem Menschen, der Wasser zu Wein verwandelt und sich dem Leben und der Freude zuwendet: Unser Leben sei ein Fest!
Es ist auch der Bonhoeffertext: Wer bin ich?
Welches Geheimnis Gottes hat sie in ihren Bann geschlagen? Was hat ihnen Zugang verschafft in diese Gemeinschaft, was lässt sie in der Gemeinschaft bleiben? Wo haben sie Gott gespürt? Welchen Anteil an der Weisheit Gottes haben sie, die anders ist als die Weisheit der Welt?
Weisheit – auch Glaubensweisheit ist dafür da, weitergegeben zu werden: an unsere Kinder und Enkel, an die, die sich nicht reintrauen. An die, die da waren und wieder gegangen sind, weil sie nichts verstanden haben.
Behalten wir das Geheimnis des Glaubens nicht für uns, sondern weihen wir andere in dieses große Geheimnis ein. Joachim Gauck ist als kleiner Junge einem Menschen begegnet, der dies auf einfache und wunderbare Weise verstand. Hören Sie Die Geschichte von Herrn Joneleit. Sie spielt in einer Garage. Eine Garage – die Hütte Gottes bei den Menschen. (aus: Joachim Gauck, Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen, München 2009, S. 105 f.):